Deklaration richtig lesen: 6 Fallen auf dem Etikett
Fleischanteil 80 %? Echt? Wir zeigen dir, wie du Etiketten entschlüsselst, „offene Deklaration" erkennst und die Tricks der Hersteller durchschaust.
Die Etiketten auf Hundefutter sind gesetzlich normiert – und trotzdem voll mit Sprachtricks, die selbst erfahrene Halter irreführen. Wir zeigen die sechs häufigsten Fallen und wie du sie erkennst.
Falle 1: „80 % Huhn" – aber wie?
Was du siehst: „Mit 80 % Huhn"
Was das bedeuten kann:
- 80 % frisches Huhn – das klingt toll, aber: frisches Fleisch besteht zu ca. 70 % aus Wasser. Nach der Extrusion bleibt davon nur ein Bruchteil übrig.
- 80 % Hühnermehl – das ist getrocknetes Fleisch und hat rund 5 % Feuchtigkeit. Gewichtsmäßig entspricht 80 % Hühnermehl ungefähr 240 % Frischfleisch.
Falle 2: „Geschlossene Deklaration"
Was du siehst: „Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse (enthält Huhn) 30 %"
Das ist eine geschlossene (zusammengefasste) Deklaration. Rechtlich zulässig, aber intransparent. Es könnten beliebige Tier-Bestandteile enthalten sein – Federn, Hufe, Krallen, Pelz sind gesetzlich als „Nebenerzeugnisse" erlaubt.
Besser: Offene Deklaration.
Beispiel offene Deklaration: „22 % Rindfleisch, 5 % Rinderleber, 3 % Rinderherz, 2 % Rinderpansen". Jede Zutat mit Prozentangabe und klarer Herkunft. Jeder seriöse Hersteller bietet das heute.
Falle 3: Rangfolge in der Zutatenliste
Rechtlich: Zutaten werden in absteigender Gewichtsreihenfolge gelistet – vor der Verarbeitung. Das ist wichtig.
Beispiel: Ein Trockenfutter nennt an erster Stelle „Frischfleisch Huhn" (40 % – vor dem Trocknen). Nach Extrusion bleibt davon nur ~10 %. An zweiter Stelle steht „Mais" (25 %), der nach Extrusion nahezu unverändert ~25 % bleibt. Real ist Mais die Hauptzutat, nicht das Huhn.
Faustregel: Bei Trockenfutter mit Frischfleisch als Position 1 und Getreide als Position 2: die „echten" Verhältnisse nach Verarbeitung sind oft umgekehrt.
Falle 4: „Getreidefrei" – auch wenn drin
Was du siehst: „Getreidefrei – mit Kartoffeln und Erbsen"
Getreidefrei ist aus Marketing-Sicht ein Label, aber nährstoff-technisch nicht automatisch besser. Kartoffeln, Erbsen oder Linsen sind ebenfalls stärkehaltige Kohlenhydrate – und in Summe oft ähnlich hoch wie Getreide.
Falle 5: Analytische Bestandteile – die Zahlen verstehen
Was du siehst (typisch Trockenfutter):
- Rohprotein 28 %
- Rohfett 16 %
- Rohasche 7 %
- Rohfaser 2,5 %
- Feuchtigkeit 8 %
Was du daraus berechnen kannst:
- Kohlenhydrate (NfE) = 100 % – (Protein + Fett + Asche + Faser + Feuchtigkeit) = 38,5 % Bei Trockenfutter normal 30–50 %. Über 55 % = Kohlenhydrate dominieren.
- Ca:P-Verhältnis sollte zwischen 1,0 und 2,0 liegen (Idealwert 1,2:1). Steht selten auf dem Etikett – fragenswert beim Hersteller.
- Energiedichte: nicht immer angegeben. Grobe Schätzung Trockenfutter: 350–420 kcal / 100 g. Nassfutter: 70–110 kcal / 100 g.
Falle 6: „Artgerecht" / „Premium" / „Super Premium"
Diese Begriffe sind nicht rechtlich geschützt. Jeder Hersteller darf sie nutzen. „Super Premium" sagt nichts über Rohstoffqualität – nur über das Marketing-Budget.
Was stattdessen zählt:
- Offene Deklaration aller Zutaten mit Prozentangaben
- Nachvollziehbare Herkunft (Land, im Idealfall Lieferanten)
- FEDIAF-konforme Nährwertdeklaration
- Klare Angaben zu Fleischquelle (Huhn ist nicht gleich „Geflügel"; „tierische Nebenerzeugnisse" ist der sammelnde Oberbegriff)
- Wenn Zusätze dabei sind: konkrete Mengenangabe (mg/kg bei Spurenelementen)
Produkt-Beispiele mit sauberer Deklaration
Fazit
Wer Etiketten liest, braucht keine Marketing-Versprechen. Die 3 Dinge, auf die du achten solltest:
- Offene Deklaration mit Prozentangaben – sonst weißt du nicht, was drin ist.
- Frischfleisch vs. Mehl verstehen – beides ist ok, die Zahlen sind aber unterschiedlich interpretierbar.
- „Getreidefrei" ist kein Qualitätslabel – die Gesamtrezeptur zählt.
Wenn ein Hersteller sich bei deiner Rückfrage zu genauen Zusammensetzungen schwer tut: das ist ein Signal.
Quellen & weiterführende Literatur
- Verordnung (EG) Nr. 767/2009 über das Inverkehrbringen und die Verwendung von FuttermittelnRechtsgrundlage der Futtermittel-Kennzeichnung in der EU.
- FEDIAF Code of Good Labelling Practice for Pet Food (2024)